Elex im Test


Elex erbt die Tugenden von Gothic und Risen, will aber mit dem Zukunftsszenario ein neues Kapitel aufschlagen. Der Test zeigt: In Zukunft wird Piranha Bytes an Elex gemessen.

Wer in seinem Leben mal bei irgendeinem Arzt war, der weiß, wie nervig eine chaotische, undeutliche Handschrift sein kann. Man konzentriert sich zu sehr auf die Diagnose, der Doc schreibt indes seine Anweisungen in unleserlicher Keilschrift auf den Rezeptzettel und zack – am Ende kann man nur raten, ob man die Abführ-Tabletten jetzt ein, zwei oder hundertmal nehmen soll. Die amerikanischen National Academies of Science schätzen, dass in den USA jährlich 7.000 Menschen durch die krakelige Sauklaue ihrer Ärzte sterben. Kein Scherz!

Die Essener Jungs und Mädels von Piranha Bytes produzieren das bildliche Gegenteil dieses Ärzte-Kauderwelschs (und bedrohen folglich auch weniger Menschenleben). Ihre Spiele werden seit 20 Jahren mit einer absolut unverkennbaren und deutlichen Handschrift entwickelt, die Fans ohne Mühe aus 1.000 verschiedenen Spielmechanikenerkennen und herauslesen könnten: Rollenspiel, Open World, lakonischer Held, konkurrierende Fraktionen, haufenweise Drecksäcke, raue Dialoge, gefährliche Erkundungen, die anfangs meist mit einem Game Over enden – und ja, hier und da wird technisch auch mal was übers Knie gebrochen.

Das gefällt nicht jedem. Wie beim Bethesda-Deal (also der »Gameplay-Formel« von Skyrim, Morrowind und Fallout) muss man die Eigenarten der Piranha-Bytes-Handschrift mögen, um damit Freude zu haben. Wer sich von ihrem neuen Spiel Elex eine komplette Abkehr von alten Gothic-Tugenden und -Sünden erhofft, geht lieber Wildschweine jagen. Elex ist keine Revolution. Elex ist sperrig, grob, unintuitiv. Und das beste Rollenspiel, das Piranha Bytes seit Gothic 2 auf die Beine gestellt hat!

Nun muss eine Revolution – entgegen der Behauptungen von Karl Marx – ja nicht das Maß aller Dinge sein. Manchmal reicht schon ein gehöriger evolutionärer Schritt nach vorne. Und siehe da: In puncto Weiterentwicklung traut sich Piranha Bytes, riskante Wege einzuschlagen.

Statt mit einem neuen Gothic die Fan-Mäuler zu stopfen, mixt Elex Fantasy mit Science Fiction und Postapokalypse – also quasi Mad Max mit Wikingern, Borg und Laser-Templern. Ein ambitionierter Mischmasch, der leicht das Ziel verfehlen könnte, aber in Elex tatsächlich wunderbar gelingt.

Damit so eine Postapokalypse entstehen kann, muss die Welt allerdings erstmal untergehen. Und das funktioniert in Elex etwa so: Die Welt Magalan ähnelt unserer eigenen, es gibt also Autos, Straßen, Mikrowellen, Massenvernichtungswaffen und wahrscheinlich auch Fidget Spinner. Plötzlich regnet ein riesiger Komet vom Himmel, der aus einem bisher unbekannten, bläulich-schwarzen Material besteht: Elex. Wie bei den Dinos vernichtet der Einschlag den Großteil der bisherigen Zivilisation.

Fazit:

Piranha Bytes hat mit Elex das hinbekommen, was sie schon immer gut konnten – alleine der Umfang ist eine beachtliche Leistung für ein 30-Mann-Team. Mich hätte aber gefreut, wenn Piranha Bytes mit Elex auch das hinbekommen hätte, was sie noch nie gut konnten. Ansehnliche Animationen etwa, eine packende Inszenierung, ausdrucksstarke Gesichter, ein sauberes Interface und ein Kampfsystem, das einfach flutscht.

Rein technisch und mechanisch betrachtet ist Elex jedoch bestenfalls Mittelmaß. Und noch dazu anfangs derart zäh und trocken, dass manch Piranha-Neuling prompt in Schockstarre verfallen dürfte. Danach wird es fraglos besser; Spielwelt, Atmosphäre und Quests trösten über die vielen Ecken und Kanten hinweg.

Dennoch bleibt Elex – wie Gothic, wie Risen – ein Spiel, auf das man sich einlassen muss. Ein Spiel, aus dem man den Charme herausklopfen muss wie Ketchup aus einer angebrochenen Flasche. Und dann kommt wie üblich viel mehr heraus, als man erwartet hätte.

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